Edith Steins letzte Tage

9. August 2017


Vor 75 Jahren, am 9. August 1942, wurde die Philosophin und Ordensfrau Edith Stein (Teresia Benedicta a Cruce OCD) im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. Das, was über ihre letzten Tage bekannt ist, bezeugt in eindrücklicher Weise die tiefe Gottesbeziehung Edith Steins.

Dass ihr Leben in Nazi-Deutschland nicht mehr sicher war, wird Edith Stein spätestens nach den „Judenboykotten“ (April 1933) und den Nürnberger Rassegesetzen (September 1935) klar gewesen sein. 1938 verlässt sie den Kölner Karmel, in den sie 1933 eingetreten war, und wird im Karmel Echt in den Niederlanden heimisch. Dort ist sie erst einmal in Sicherheit. Doch im Mai 1940 überfällt die Wehrmacht die Niederlande und die holländischen Juden werden dergleichen Verfolgung ausgesetzt wie die Juden in Deutschland.

Edith Stein wird als zum Katholizismus konvertierte Jüdin zunächst in Ruhe gelassen. Als jedoch die holländischen Bischöfe – angeführt vom Utrechter Erzbischof de Jong – Ende Juli 1942 offen gegen die Deportation der Juden protestieren, werden kurz darauf – gewissermaßen als Strafaktion – auch die „katholischen Nichtarier“ deportiert. 244 zum Katholizismus konvertierte Juden werden am 2. August 1942 verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork verbracht. Die „evangelischen Nichtarier“ blieben durch das Schweigen ihrer Bischöfe verschont.

Unter den Deportierten befinden sich auch Edith und Rosa Stein. Edith Steins Wort zu ihrer Schwester Rosa in der Stunde ihrer Verhaftung – „Komm, wir gehen für unser Volk!“ – ist kein pathetischer Heroismus, sondern die logische Konsequenz des Denkens und Glaubens einer Frau, die sich auch im Akt der „Stellvertretung“ ganz in die Nachfolge Christi begibt: So wie Christus den Weg nach Golgatha geht „für sein Volk“, so geht Edith Stein nach Auschwitz „für ihr Volk“, um durch stellvertretendes Leiden Anteil am Erlösungswerk zu erhalten.

Das Leid hat für Edith Stein keinen Zweck, der ein Anstreben des Leidens rechtfertigte, gleichwohl jedoch einen Sinn, der das Annehmen des Leidens ermöglicht. Diese Erkenntnis, die ihren zweiten Lebensabschnitt und insbesondere ihre letzten Tage überstrahlt, ist für die Vernunft der Philosophin unzugänglich. Sie wird ihr erst in der Spiritualität der Ordensfrau offenbar, erst in dem, was sie „Kreuzeswissenschaft“ nennt.

Wie tief ihre Gottesbeziehung gewesen ist, zeigt eine Notiz, die in einem kurzen Brief vom 6. August 1942 verzeichnet ist, den sie aus dem Durchgangslager nach Echt sandte, um für ihre Schwester und sich einige Gebrauchsgegenstände zu erbitten. Sie lautet: „Konnte bisher herrlich beten“. Wer in der grauenhaften, gottfernen Umgebung eines Lagers solche Sätze zu Papier bringt, ist erfüllt vom Heiligen Geist und greift auf Erfahrungen zurück, die unmittelbar die eigene Finsternis zu erhellen vermögen.

Und ein solcher Mensch ist dann auch noch in der Lage, das Licht des Herrn weiterzugeben. Dem Hirtenwort der deutschen Bischöfe zur Heiligsprechung Edith Steins (11.Oktober 1998) zufolge, berichtete ein Augenzeuge über Edith Stein wie folgt: „Unter den Gefangenen fiel Schwester Benedicta auf durch ihre große Ruhe und Gelassenheit. Der Jammer und die Aufregung waren unbeschreiblich. Schwester Benedicta ging unter den Frauen umher, tröstend, helfend, beruhigend wie ein Engel“.

Am späten Nachmittag des 7. August 1942 wird Edith Stein in Schifferstadt bei Speyer zum letzten mal gesehen. Sie ließ Grüße an die Schwestern in St. Magdalena in Speyer bestellen. Bei dieser Gelegenheit fiel ein bedeutungsvoller Satz, der ebenfalls im Hirtenwort zur Heiligsprechung zitiert wird: „Es geht nach dem Osten“. Es ist dies nicht nur eine geographische Angabe. Der Osten als Ort der Sonne eines neuen Morgens gibt auch eine Ahnung von der tiefen, unerschütterlichen Heilshoffnung, die in Gott selbst verankert ist.

Am 9. August wird Edith Stein im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. Drei Jahre zuvor hatte sie in ihrem Testament geschrieben: „Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter Seinen heiligsten Willen mit Freuden entgegen. Ich bitte den Herrn, daß Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen der heiligsten Herzen Jesu und Mariä und der Heiligen Kirche“. In ihrem Tod ist sie Teresia Benedicta a Cruce, Teresia – vom Kreuz gesegnet.

(Josef Bordat)

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