Weil der Mensch Mensch ist

5. August 2013


Grußwort anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Töten aus Überzeugung zur „Aktion T 4“ am 5. August 2013, 17 Uhr im Rathaus Tempelhof (Berlin)

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist für mich eine große Ehre, hier anlässlich der Eröffnung dieser eindrucksvollen Ausstellung zur „Aktion T 4“ einige Worte zum christlichen Widerstand gegen das Euthanasieprogramm der Nazis sagen zu dürfen.

Widerstand war in der gleichgeschalteten Politik und Justiz äußerst selten. Neben den Eltern der Betroffenen wehrten sich jedoch einige Kirchenvertreter beider Konfessionen gegen die „Aktion T 4“, bei der eine Ideologie zum Tragen kam, die Hitler selbst ganz unverblümt als „erlösende Lehre von der Nichtigkeit und Unbedeutendheit des einzelnen Menschen“ beschrieben hat, als eine Ideologie, die gegen jene „christliche Lehre von der unendlichen Bedeutung der menschlichen Einzelseele“ gerichtet sei und nun „mit eiskalter Klarheit“ umgesetzt werde. Getreu dem Motto Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg 5, 29) regte sich das Gewissen engagierter Christinnen und Christen und ließ sie aufstehen gegen die gottlose Unmenschlichkeit der Nazis. Denn das faschistische Menschenbild mag „Versager“, „Volksschädlinge“, „Gemeinschaftsfremde“, „unnütze Esser“, „verderbliche Gene“ und „unwertes Leben“ kennen – das christliche Menschenbild kennt nur Kinder Gottes.

Dennoch waren es auch unter den Christen nur wenige, die offen Widerstand leisteten. Zu nennen sind auf Seiten der evangelischen Bekennenden Kirche insbesondere Paul Gerhard Braune, Leiter der Hoffnungstaler Anstalten Lobetal, der sich weigerte Patienten und Bewohner dieser Einrichtung auszuliefern, Theophil Wurm, der damalige Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, der sich bereits im Juli 1940 in einem Protestschreiben gegen die „Aktion T 4“ an Reichsinnenminister Frick wandte, und Friedrich von Bodelschwingh der Jüngere, seit 1910 Leiter der Von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, der im August 1940 an Ministerialrat Fritz Ruppert vom Reichsinnenministerium über das Euthanasieprogramm schrieb: „Sicher wäre es das beste, wenn die ganze Maßnahme sofort und endgültig eingestellt würde“.

Auf katholischer Seite stechen neben Joannes Baptista Sproll (Bischof von Stuttgart-Rottenburg), Augustinus Philipp Baumann (Weihbischof von Paderborn), Antonius Hilfrich (Bischof von Limburg), Bernhard Lichtenberg (Dompropst von Berlin), Conrad Gröber (Erzbischof von Freiburg) und Max Kottmann (Generalvikar von Stuttgart-Rottenburg) vor allem zwei adlige Kardinäle hervor: Clemens August Graf von Galen und Konrad Graf von Preysing. Beide haben auch etwas mit Berlin zu tun.

Clemens August Graf von Galen war von 1919 bis 1929 als Pfarrer in der Gemeinde St. Matthias (Berlin-Schöneberg) tätig. 1933 wurde er zum Bischof von Münster geweiht und 1946 in den Kardinalsstand erhoben. Graf von Galen hat sich im Sommer 1941 in drei Predigten gegen die „Aktion T 4“ gewandt, was ihm den Beinamen Löwe von Münster eintrug.

Die Predigten Graf von Galens zeigten Wirkung: Das NS-Regime, das schon ahnte, ein Euthanasieprogramm werde in der Bevölkerung nicht besonders populär sein und das deswegen versuchte, es geheim zu halten, knickte wenig später ein. Bereits am 24. August 1941 – drei Wochen nach der Predigt von Galens in St. Lamberti – gab Hitler Anweisung, die „Aktion T 4“ zu beenden. Für diese Entscheidung spielte neben der breiten Rezeption der Predigten von Galens unter den Katholiken auch der Protest von Vertretern der Bekennenden Kirche eine Rolle. Der Historiker Winfried Süß schreibt dazu: „Die kirchlichen Proteste machten Hitler dreierlei deutlich: Erstens demonstrierten sie, dass der sorgsam über die Krankenmorde gelegte Geheimhaltungsschleier irreparabel zerrissen war. Zweitens ließen sie weiteren Widerstand der Kirchen befürchten. Und drittens machten sie deutlich, dass die ,Euthanasieʻ in erheblichen Teilen der Bevölkerung nicht konsensfähig war. So gesehen ist Hitlers Abbruchentscheidung weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick scheint.“

Die „Aktion T 4“ wurde in der Tat jedoch nur ein Jahr lang ausgesetzt und dann – weniger vehement als bisher – weiterverfolgt. Graf von Galen sollte für seinen Protest – der von den Machthabern als Störung des Vernichtungsbetriebs wahrgenommen wurde – selbst vernichtet werden. Aus Furcht vor noch größerer Unruhe unter den Katholiken beschloss Reichspropagandaminister Joseph Goebbels jedoch, die Beseitigung von Galens auf die Zeit „nach dem Endsieg“ zu verschieben. Doch dazu kam es nicht – nicht zum „Endsieg“ und nicht zur Beseitigung von Galens. Clemens August Graf von Galen starb am 22. März 1946. Am 9. Oktober 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen.

Der andere, Konrad Graf von Preysing, ein Cousin von Galens (Widerstand lag da offenbar in der Familie), wird 1912 zum Priester und 1935 zum Bischof von Berlin geweiht und ebenfalls 1946 zum Kardinal erhoben. Er hat sich in zahlreichen Schriften gegen die nationalsozialistische Ideologie gewandt, das Unrechtsregime der Nazis angeprangert und sich dabei auch explizit gegen die „Aktion T 4“ gewandt: „Wer immer Menschenantlitz trägt, hat Rechte, die ihm keine irdische Gewalt nehmen darf.“, so schreibt er in seinem Hirtenbrief vom 13. Dezember 1942.

Und es blieb nicht beim gesprochenen und geschriebenen Wort: Mit dem von ihm bereits 1938 gegründeten Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin versuchte von Preysing, Verfolgten des Naziregimes die Flucht aus Deutschland zu ermöglichen und die in Berlin versteckten Juden mit Wohnraum und Lebensmitteln zu versorgen. Als 1941 der Leiter des Hilfswerks, Dompropst Bernhard Lichtenberg, verhaftet wurde, übernahm der Bischof persönlich die Leitung. Am 21. Dezember 1950 verstarb Konrad Graf von Preysing, seine letzte Ruhestätte fand er in der Krypta der Sankt-Hedwigs-Kathedrale Berlin.

Von Galen, von Preysing, Lichtenberg – das sind einige Lichtblicke in der Dunkelheit jener Jahre, nicht weniger und nicht mehr, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Viele Christinnen und Christen haben zudem im Verborgenen gehandelt, haben die Predigten von Galens abgetippt und verbreitet, haben sich ganz persönlich mit den betroffenen Familien solidarisiert.

Das alles soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Menschen in Deutschland schwiegen. Nicht zuletzt dieses Schweigen muss uns eine Mahnung sein, die Stimme zu erheben, wenn die Würde des Menschen bedroht ist, etwa dadurch, dass man wieder Rechnungen aufmacht, wie viel uns doch „so ein Behinderter“ kostet, welche Belastung er darstellt für die Gesellschaft. Ich erlebe solche Bemerkungen auch im aktuellen Diskurs um bioethische Fragen, wo oft genug die rechtzeitige (also: vorgeburtliche) Tötung des kranken oder behinderten Menschenlebens als „Erlösung“ angepriesen wird, als „Erlösung“ für das Kind, seine Eltern und die Gesellschaft. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich jedoch auch und gerade an ihrem Umgang mit kranken und behinderten Menschen – der Nationalsozialismus ist auch hier dramatisch gescheitert. Ich wünsche mir, dass wir heute – auch eingedenk der Erinnerung an dieses Kapitel unserer Geschichte – niemals aus den Augen verlieren, dass dem Menschen Würde zukommt, weil er Mensch ist, nicht, weil er gesund ist. Und ich wünsche der Ausstellung in diesem Sinne viele aufmerksame Besucherinnen und Besucher!

Die Ausstellung ist vom 6. August bis zum 31. Oktober 2013 im Rathaus von Berlin-Tempelhof zu sehen. Der Eintritt ist frei.

(Josef Bordat)

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