Versmaß. Fixierung. Fehlende Autoapplikation

23. September 2013


Kleine Tipps und Hinweise an die Gegendemonstranten beim Marsch für das Leben

Zunächst: Danke, dass Sie da waren. Sie sorgen dafür, dass Menschen stehenbleiben und genauer hinschauen, Touristen wie Samstagsnachmittagseinkäufer. Sie machen das Anliegen des Lebensschutzes auf RTL II-Niveau bekannt – und das ist gut so.

Bloß: Denken Sie sich mal was Neues aus! Und wenn sie sich was Neues ausdenken, achten Sie bitte auf das mehr oder weniger stimmige Versmaß! Beispiel: „Ich bin nichts, ich kann nichts / gebt mir ein Kruzifix!“ Das mag ja alles richtig sein, dass Christen nichts sind und nichts können, außer für alles Leid in der Welt zuständig zu sein und nebenbei Frauen zu verachten (was ja insgesamt dann doch auch in einem gewissen semantischen Spannungsverhältnis zum eingangs Postulierten steht, aber was soll’s), aber – großes Aber: Doch nicht so! Nach dem sechssilbigen Eingangsvers bietet sich ein achtsilbiger Schlussvers an, nicht ein ebenfalls sechssilbiger. Probieren Sie es aus:

Statt:

„Ich bin nichts, ich kann nichts / gebt mir ein Kruzifix!“

Krakele:

„Ich bin nichts, ich kann nichts / So gebt mir doch ein Kruzifix!“

Oder:

„Ich bin nichts, ich kann nichts / Zur Hand nehm‘ ich das Kruzifix!“

Oder aber:

„Ich bin nichts, ich kann nichts / Schaut her: Ich hab‘ ein Kruzifix!“

Besser? Besser!

Sodann. Bei „Religion ist Scheiße! / Ihr seid die Beweise!“ muss man entweder das scharfe s („ß“) in Scheiße weich oder aber das weiche s („s“) in Beweise scharf sprechen. Das ist nicht schön. Außerdem ist Satz 1 judenfeindlich. Und das ist – ich hab’s recherchiert – auch nicht schön.

Fernerhin die Sache mit dem Eigentum. Ich meine, wer einem anderen die Faust ins Gesicht schlägt, kann natürlich sagen „My body, my choice“ und hat zudem völlig Recht, was seine Faust („my body“) und den Impuls zum Zuschlagen („my choice“) betrifft, aber die „choice“ hinsichtlich des eigenen „body“ hat eben Auswirkungen auf den „body“ eines Dritten, der keine „choice“ hat. Understand? Und dann gilt ja immer noch: Die Voraussetzung dafür, die Tötung des ungeborenen Lebens lautstark in die freie Wahlentscheidung der Frau stellen zu können, ist unter anderem, dass die eigene Mutter bei ihrer Wahl die richtige Entscheidung traf. Wenn man das mitbedenkt, ist es vielleicht nicht mehr ganz so selbstverständlich, derart entschieden und voraussetzungslos für Abtreibung zu sein. Es gilt also auch hier, was für die Sklaverei und für Null-Diäten gilt: Das Fehlen gedanklicher Autoapplikation beseitigt das Problembewusstsein.

Schließlich diese ständige Fixierung auf „Deutschland“. Mir als Viertelholländer, der mit einer Peruanerin verheiratet ist, fällt das ohnehin schwer zu verstehen, warum die Deutschen so sehr auf Deutschland gucken, ob nun verliebt oder hasserfüllt. Meine Güte: Es geht um die Würde und das Leben des Menschen, nicht des Deutschen! Zumindest gilt das für den Lebensschutz katholischer Provenienz. Und ich kenne auch keinen Orthodoxen oder Lutheraner, der das grundsätzlich anders sieht.

Den Anarchisten („Kein Staat!“) sei eine Reise nach Somalia empfohlen, den ideenhistorisch Unbedarften („Mittelalter!“) eine Einführung in die Philosophiegeschichte und denen, die den Lebensschutz in die Nazi-Ecke drücken wollen, weil er sich unter anderem für das Lebensrecht behinderter Menschen einsetzt, sei gesagt: Lest das hier. Und dass es in gewisser Hinsicht widersinnig sein könnte, wenn „eine Gruppe junger Männer“ einer jungen Frau autoritativ deutlich macht, sie, die Gruppe junger Männer, wünsche „Kein Patriarchat!“, ist der Angesprochenen bereits aufgefallen. Ob es der Gruppe junger Männer auch irgendwann mal auffällt, muss offen bleiben.

Aber ich will positiv enden. In den Schluchten der geschlossenen Bebauung irgendwo zwischen Potsdamer Platz und Gendarmenmarkt dringt ein ungewöhnlicher Schlachtruf an mein Ohr. Fünf Jungs, deren Geschrei das Schweigen von 5000 übertönt, rufen: „Ohne Jesus / wär‘ hier gar nix los!“ Also, Jungs – den muss ich mir merken!

(Josef Bordat)

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