Technik, die begeistert

1. Juli 2015


Wie umgehen mit einer Enzyklika, die einen förmlich zu erschlagen droht – allein schon ob ihres Umfangs? Wie lese ich den Text, den Papst Franziskus für uns schrieb? Wie lese ich Laudato Si? Zunächst: in Abschnitten. Enzykliken haben den großen Vorteil, fein gegliedert zu sein. Laudato Si hat 6 Kapitel mit jeweils bis zu 9 Unterkapiteln und verfügt über 246 Abschnitte in durchlaufender Nummerierung. Hier kann man sich sinnvoll abgesteckte Portionen zusammenstellen und nacheinander abarbeiten. Das muss nicht mal in der Reihenfolge geschehen, die Franziskus vorgibt, man kann sich auch zunächst mit den Aspekten befassen, die einen besonders interessieren.

Ich orientiere mich bei der Lektüre an den wesentlichen Konzepten, etwa dem der Verantwortung oder dem der Technik. Man kann sich die Enzyklika Laudato Si vielleicht am besten über die gegensätzlichen Extrempositionen erschließen, die Franziskus dialektisch rekonstruiert, um einen Mittelweg als Lösung vorzuschlagen. Bereits in der Ausgangsdiagnose zeigt Franziskus die Ambivalenz auf: die Schönhiet der Schöpfung auf der einen, die Hässlichkeit ihrer Deformation auf der anderen Seite. Im Bereich der Technologieanalyse sind die Extrema der Technikdeteminismus auf der einen und die romantische Naturverklärung auf der anderen Seite, in der Umweltethik sind sie der Anthropozentrismus und die Idee einer grenzenlosen Verfügungsgewalt des Menschen über die Natur auf der einen und der nivellierende Biozentrismus, der den Menschen als Teil der Natur depotenziert, auf der anderen Seite.

Zum Thema „Verantwortung“ hatte ich bereits einige Bemerkungen gemacht. Heute möchte ich Franziskus‘ Verständnis von Technik und Technologie betrachten. Grundsätzlich ist Laudato Si ein Text voller Technikkritik und Fortschrittsskepsis, ohne dabei eine nicht-technisierte Welt zu verklären oder aber Wissenschaft und Technik ablehnend oder gar feindlich entgegenzutreten.

Tatsächlich weist Technik die gleiche Ambivalenz von „gut“ und „böse“ auf wie sie menschlichen Handlungen allgemein und wie sie auch der Natur eigen ist. Technik ist Organentlastung, Organverstärkung und Organersatz (Gehlen) und die Entwicklung von Technik eine aktualisierte Anstrengung, die der Mensch auf sich nimmt, um künftige Anstrengungen zu verringern oder ganz zu vermeiden (Ortega y Gasset). Technik dient dem Menschen zur Erweiterung seiner Handlungsspielräume, kurz: zur Vergrößerung seiner Freiheit. Doch Technik enthält auch potenzielles Übel, das uns immer dann deutlich vor Augen steht, wenn sich Katastrophen mit und durch Technik ereignen oder ankündigen. Flugzeugabstürze, Autounfälle oder Störungen in Kernkraftwerken machen deutlich, welchen Preis wir für den Freiheitszuwachs zahlen. Schließlich zeigen uns die immer düsteren Langzeitprognosen zu Umweltverschmutzung und Klimawandel, dass es eine existenzielle Frage ist, inwieweit wir von Technik Gebrauch machen. Technik ist also „Wohl“ und „Übel“ zugleich.

Wir müssen also bei der Nutzung von Technik differenzieren. Genau dazu ruft der Papst in Laudato Si auf. Er verdammt die Technik nicht, er relativiert nur ihre Rolle, die in der Moderne eine zu große wurde. Es gehe darum, „Lösungen nicht nur in der Technik zu suchen“ (Nr. 9), aber eben auch, keinem „blinden Vertrauen auf die technischen Lösungen“ (Nr. 14) anzuhängen, aber doch einem informierten Vertrauen. Es geht Franziskus um “ Kritik am neuen Machtmodell und den Formen der Macht, die aus der Technik abgeleitet sind“ (Nr. 16), um die Kritik an einer „Unterwerfung der Politik unter die Technologie“ (Nr. 54), an der „Macht der Technologie“ (Nr. 102), nicht um Kritik am vernünftigen Einsatz der Techník selbst. Es sei vielmehr „ihre unangemessene oder exzessive Anwendung“ (Nr. 133), die Probleme schaffe.

Affirmativ zitiert Franziskus Johannes Paul II. mit den Worten, dass „Wissenschaft und Technologie ein großartiges Produkt gottgeschenkter Kreativität“ seien (Nr. 102). Und weiter: „Die Technologie hat unzähligen Übeln, die dem Menschen schadeten und ihn einschränkten, Abhilfe geschaffen. Wir können den technischen Fortschritt nur schätzen und dafür danken, vor allem in der Medizin, in der Ingenieurwissenschaft und im Kommunikationswesen“ (Nr. 102). Sie kann auch in Umweltfragen – so wie sie Teil des Problems ist – Teil der Lösung sein. So gehe es beispielsweise darum, „angemessene Technologien für die Speicherung [erneuerbarer Energien] zu entwickeln“ (Nr. 26).

Das Problem ist nach Franziskus also nicht die Technik selbst, sondern das „technokratische Paradigma“, die absolute Herrschaft der Technik in allen Lebensbereichen, die dazu führe, dass der Mensch sich nicht mehr der Natur füge, sondern der naturbeherrschenden Technik (Nr. 106 ff.). Dabei sieht er im Status quo die Politik der Wirtschaft und diese wiederum der Technokratie unterstellt. Das gelte es zu ändern: „Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen“ (Nr. 189). Es gehe vielmehr darum, „die Technik zu beschränken, sie zu lenken und in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist“ (Nr. 112).

Mit einem Wort: Das Problem besteht in einer „von der Ethik abgekoppelten Technik“ (Nr. 136), sie sich selbst zur unhinterfragbaren Norm erklärt und so alle anderen Bereiche menschlicher Kultur (insbesondere Politik und Wirtschaft) nicht nur durchdringt, sondern in ihrer Gestaltung grundlegend regelt. Was schließen wir konkret daraus? Offenbar verlangt der Papst auf der Ebene wissenschaftlich-technologischer Leistungserstellungsprozesse vermehrt Investitionen im Bereich der Forschung und Entwicklung von Energie- und Umwelttechnik. Auf der Ebene kultureller Verständigung regt er eine Diskussion darüber an, welche Technik wir wollen, welche wir brauchen und welche Folgen die jeweilige Option hat – insbesondere mit Blick auf Umwelt- und Klimaschutz, weniger mit Blick auf Vermarktbarkeit. Das ist für ihn Fortschritt.

Freilich braucht es zu diesen Ausführungen Vorschläge für eine möglichst wirklichkeitsnahe Konkretion dieses Fortschrittsbegriffs. Es ist aber ebenso die Phantasie nötig, sich vorzustellen, den technischen Fortschritt überhaupt in die vom Papst angedachte Richtung lenken zu können – hin zu einer lebens- und umweltfreundlichen, im Dienste des Menschen und der Natur stehenden Technik. Wenn heute immer noch die größten Fortschrittsbemühungen auf dem Gebiet der Energietechnik im Bereich der Entwicklung verbesserter Methoden zum immer riskanteren und kostspieligeren Abbau klimaschädlicher fossiler Brennstoffe stattfinden, dann zeigt dies einerseits, dass der Wille fehlt, Forschung und Entwicklung in anderen energietechnischen Bereichen angemessen zu fördern, so dass es sich lohnte, für den Fortschritt auf diesen Gebieten zu arbeiten, es zeigt aber andererseits, dass durch gezielte Förderung tatsächlich gezielte Veränderung möglich ist. Nicht trotz Technik, sondern mit Technik. Und auch nicht ohne den Markt, sondern unter gezielter Nutzung der Anreize, die eine Marktwirtschaft bietet.

(Josef Bordat)

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