Die Ehe und der Tod

8. Juli 2015


Wer gegenüber den Herrschenden seiner Zeit den kirchlichen Ehebegriff biblischer Herkunft verteidigt, der hat es nicht leicht.

1. Diese Erfahrung macht Johannes der Täufer. Johannes weist König Herodes auf einen Naturrechtsgrundsatz hin, der durch das mosaische Gesetz explizite Normativität erlangt. Im Neunten Gebot Gottes heißt es: „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen.“ Genau das hatte Herodes getan: Nach der Frau seines Nächsten verlangt, nach der Frau seines Bruders, gewissermaßen seines „Allernächsten“. Dafür hatte er die eigene Frau verstoßen.

Johannes hat ihn zur Rede gestellt und Herodes‘ Akt sexueller Selbstbestimmung mit dem ewigen Gottes- und Naturrecht konfrontiert. Johannes macht Herodes auf eine Selbstverständlichkeit aufmerksam, die jedoch den Plänen des Königs quer liegt. Herodes argumentiert aber nicht etwa dagegen – er ist sich bewusst, dass es hier nichts zu argumentieren gibt –, sondern will Johannes – und damit sein Gewissen, das ihn in gleicher Weise informiert wie der Prophet – zum Schweigen bringen. Er will ihn töten lassen. Dann – so meint Herodes – sei das Problem aus der Welt. Schließlich lässt er Johannes enthaupten.

2. Diese Erfahrung macht auch Thomas Morus. Thomas Morus dient König Heinrich VIII. als Berater und Unterhändler. Als sein Dienstherr die Ehe mit Katharina von Aragón von Papst Clemens VII. annulieren lassen will, um erneut zu heiraten, dieser aber nicht einwilligt und Heinrich daraufhin kurzerhand seine eigene Kirche gründet (formal wird er Oberhaupt der Katholischen Kirche in England, was de facto aber die Kirche von England begründet), leistet Morus passiven Widerstand. Zunächst trat er von seinem Amt als Lordkanzler zurück (16. Mai 1532), so dass er dem 1534 vom Parlament erlassenen Act of Supremacy nicht zuzustimmen brauchte.

Aber dann kommt es doch zur Gewissensprüfung: Der misstrauische Heinrich lässt nicht nur Staatsbedienstete den Suprematseid schwören, sondern auch Personen, von denen er annimmt, sie hätten Einwände gegen seine Wiederheirat und die Loslösung der Kirche in England von Rom, also der Einsetzung der königlichen an die Stelle der päpstlichen Autorität. Er vermutet, sein ehemaliger Mitarbeiter Thomas Morus gehört zu dieser Gruppe. Er vermutet richtig. Zwischenzeitlich hatte das Parlament den Treasons Act verabschiedet, der bei Gehorsamsverweigerung in Sachen Act of Supremacy die Todesstrafe vorsah. So konnte Thomas Morus nach der Verweigerung des Suprematseids am 6. Juli 1535 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet werden.

3. Diese Erfahrung macht schließlich der heutige Tagesheilige Kilian. Der Geistliche aus Irland, den es auf seiner Missionsreise nach Franken verschlug, kam Ende des 7. Jahrhunderts in Würzburg mit Herzog Gosbert in Kontakt, der mit der Frau seines verstorbenen Bruders verheiratet war. Nachdem Kilian Bischof geworden war und Gosbert getauft hatte, drängte er ihn, die Verbindung mit seiner Schwägerin Gailana aufzulösen, da diese nach dem damaligen Kirchenrecht als Blutschande galt. Heute sieht die Kirche nur mehr in der Ehe zwischen Blutsverwandten ersten Grades einen Verstoß gegen göttliches Recht und schließt entsprechend auch die Möglichkeit eines Dispenses für eine solche Verbindung aus.

Damals wurde die Blutschande offenbar weiter gefasst und betraf auch den Ehepartner eines Bruders oder einer Schwester, also den Partner eines Blutsverwandten ersten Grades, mit dem keine (biologische) Blutsverwandschaft bestand. Die Synode von Neocäsarea (315) hatte ausdrücklich bestimmt, dass eine Frau, die den Bruder ihres (verstorbenen) Mannes heiratet, exkommuniziert wird – bis zur Stunde des Todes, in der ihr aus Gnade zu vergeben sei (Kanon 2). Warum das? Hintergrund könnte – das weiß ich aber nicht – der Umstand sein, dass die Witwe nach biblischem Eheverständnis mit ihrem Partner „ein Fleisch“ geworden war (Mt 19, 5 und 6 i.V.m. Gen 2, 24), so dass mithin doch eine (theologische) Blutsverwandschaft besteht, welche die Ehe hemmt. Jedenfalls weist Kilian in seiner Funktion als zuständiger Bischof das Herzogpaar auf die damals geltende kirchenrechtliche Situation hin und redet ihm ins Gewissen. Das bezahlt der Frankenapostel mit seinem Leben: Herzogin Gailana nutzt eine Abwesenheit ihres Mannes, um Kilian ermorden zu lassen.

Drei Männer, drei Regionen, drei Epochen, drei Herrschaftsverhältnisse, drei ganz unterschiedliche Geschichten, die doch eines verbindet: Wer für das kirchliche Verständnis von Ehe offen Partei ergreift, lebt gefährlich.

(Josef Bordat)

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