Bruder Matthias

22. September 2015


Oder: Wie ganz nebenbei herauskommt, an welcher Stelle wir im Diskurs wirklich stehen

Ich kenne Matthias Terhorst nicht. Jedenfalls nicht persönlich. Doch das, was ich in einem Spiegel Online-Bericht über ihn erfahren kann, lässt mich ihm erst einmal mit einem gewissen Wohlwollen entgegengehen: Lehrer, Fußballfan, Ordensbruder. Gut, Ordensbruder bin ich nicht, zum Lehrer hat es auch nicht gereicht, aber auf den Fußballfan kann man sich schon mal einigen. Was Bruder Matthias dann sagt über den unspektakulären Weg zu seiner Entscheidung, sich den Pallottinern anzuschließen, überzeugt mich und nötig mich zur Hochachtung, auch davor, diese Entscheidung so deutlich und souverän in der Öffentlichkeit zu vertreten. Bekenntnis nennt man das wohl. Für alles weitere müsste ich ihn persönlich kennen lernen. Vielleicht ergibt sich ja eines Tages die Gelegenheit. Bis dahin halte ich mich mit Stellungnahmen zurück.

Anders einige der Kommentatoren, die ziemlich detailierte psychologische Gutachten über Matthias Terhorst anfertigen: „Ungeschliffen vom Leben, kann ich mir nicht vorstellen, dass er emphatisch genug ist, sich in die Lage der von Sorgen und Nöten geplagter Menschen hinein versetzen zu können.“ Es scheint manchen Zeitgenossen rasend zu machen, dass sich ein netter, kluger, junger Mann, der mitten im Leben und mit beiden Beinen auf der Erde steht, für ein Leben in einer Ordensgemeinschaft (vulgo: „Egomanenclup[sic!]“), ein Leben mit Gott entscheidet. Das zu akzeptieren, fällt offenkundig schwer. Sehr schwer. So schwer, dass man Dinge wie Respekt „dem jugendlichen[sic!] Ordensbruder nicht entgegen bringen“ will oder kann.

In fast 100 Kommentaren lässt man sich aus. Fast 100 Kommentare, von denen die allerwenigsten irgendetwas zum Text aussagen oder sich gar herablassen, Bruder Matthias einfach mal alles Gute für seinen Lebensweg zu wünschen, auch, wenn man nicht versteht, weshalb er gerade diesen einschlug. Fast 100 Kommentare, in denen allerhand geschrieben wird, das mir zeigt, wie eine verunsicherte säkulare Welt eine solche atypische Botschaft zu kompensieren versucht. Vorab: Besonders souverän oder gar überzeugend ist das alles nicht, eher schon erschreckend. Und wirklich interessant. Denn es sagt mehr über die Stimmung aus, als den Kommentaren lieb sein dürfte.

Ich bin natürlich nicht der neutrale Diskursanalytiker, der ich für eine wissenschaftliche Auswertung der Kommentare sein müsste. Ich bin Partei. Das ganze hat für mich denn auch zwei Seiten: Erstens ärgert es mich persönlich, wenn ein Mensch, der nach seiner Glaubensentscheidung gefragt wird und diese öffentlich bekennt, ebenso öffentlich wie dümmlich mit Unterstellungen, Mutmaßungen, Unverschämtheiten und Häme bedacht wird. Zweitens schockiert mich die vollkommen irritationslose Überheblichkeit, mit der Aggression, Verblendung und Kenntnisarmut eng verzahnt zum Ausdruck kommen.

Kein gutes Haar lässt man an Bruder Matthias (und ich lass jetzt mal ganz bewusst die Kommentare außen vor, die in z.T. recht übergriffigen Spekulationen die Sexualität des Pallottiners thematisieren). Bald sei er so eine Art Sozialschmarotzer, der über kurz oder lang auf Hartz IV angewiesen sei, bald wiederum ein Egoist, der um des persönlichen Heils willen quasi über Leichen geht, „schräg und narzisstisch“. Mit anderen Worten, ein Sadist: „Schon eine Art Selbstüberhöhung, man schlüpfe unter das Dach einer Ordensgemeinschaft, himmelt ein göttliches Wesen an und kann auf den Rest der Welt, die sich den Freuden und Leiden des Lebens aussetzt, genüsslich herunter blicken.“ Mit noch anderen Worten ein „religiöse(r) Masochist, der viele wunderbare Facetten menschlichen Daseins ausblendet“. Obwohl er ja am Ende irgendwie auch nichts dafür kann: „Wer angesichts der unbarmherzigen Intoleranz der RKK gegenüber allem Sexuellen, insbesondere dem andersartig Sexuellen ausserhalb des eng begrenzten Hetero-Ehe-Schemas dieser Kirche noch Respekt zollt oder gar Mitglied ist und bleibt, dem wurde mit bleibenden Schäden dieser Glaube eingehämmert, wenn nicht gar eingeprügelt.“ Täter? Opfer? Halb und halb? Ich bin einigermaßen verwirrt.

Jedenfalls werde Matthias Terhorst seiner moralischen Verantwortung nicht gerecht („Der Mann lebt eine extreme Lebensweise der Unterwerfung. Die letzte freie Entscheidung, die dieser Mönch getroffen hat, war die, sich zu unterwerfen – unterstellt, er war wirklich frei darin.“), was in seinem Fall besonders gravierend ist, denn: „Mal angenommen, es gäbe diesen ominösen lieben Gott, dem sich Herr Terhorst versprochen hat, ebensowenig wie Jehova oder Allah oder Manitu oder Zeus oder Wotan oder den Elefantengott Ganesha, was sehr wahrscheinlich ist, dann hat sich dieser Mann lediglich einem von Menschen erschaffenen Konstrukt unterworfen.“ Ja. Und das alles, ohne „den zentralen Trieb der Fortpflanzung“ zu seiner Geltung kommen zu lassen.

Überhaupt: Bruder Matthias verleugne seine natürliche Bestimmung als Mann (die offenbar in der Hauptsache darin besteht, Geschlechtsverkehr zu haben). Er sei mithin – wenn nicht psychisch krank oder grundsätzlich ein bisschen doof („Ein aufgeklärter, vernünftiger Mensch würde einer solchen Institution niemals beitreten“) – ein Opfer frühkindlicher Indoktrination, also: von Kindesmissbrauch. Damit ist dann das Stichwort gefallen und man soll wohl selbst mutmaßen, Bruder Matthias werde in Kirchenkreisen schon auf seine Kosten kommen. Nähme man die Aussagen aus dem Diskurs und reihte man sie aneinander, könnte man auf den Gedanken kommen, hier werde ein perverser KZ-Aufseher charakterisiert.

Selbst diejenigen, die es zaghaft wagen, für Bruder Matthias Partei zu ergreifen, tun dies im Paradigma der Beweislastumkehr: der Pallottiner hat zu zeigen, dass er sich positiv von seiner kirchlichen Gemeinschaft abhebt, um nicht – wie diese – für schlecht befunden zu werden. Schon im Artikel wird vorsorglich darauf hingewiesen, Bruder Matthias sei gar nicht so, wie man es von einem katholischen Ordensmann erwarten darf: „Kein mittelalterlicher Mönch“, heißt es fast trotzig in einer Zwischenüberschrift. Und auch bei den Kommentatoren weiß manch einer um Entlastungsmaterial: Bruder Matthias sei doch etwas anders drauf, „denn er trägt keine sektiererische Tracht“ (was so auch nicht ganz richtig ist, aber machen wir es nicht unnötig kompliziert) und „missioniert nicht auf penetrante oder hinterlistige Art“. So, wie eben der ganze Rest. Das hört sich so ein bisschen an wie die Argumentation des örtlichen SA-Mannes, der seinen jüdischen Buchhändler geschont wissen wollte.

Außerdem gelte: „Der junge Mann kann es sich ja jederzeit anders überlegen und aus dieser Sekte wieder aussteigen.“ Die ganze Dramatik der axiologischen Schieflage zeigt sich in der nett gemeinten Bemerkung: „Meiner Meinung nach sollte jeder selbst entscheiden dürfen, wieviel er aufzugeben bereit ist.“ Ja, das auch dann, wenn dieser „jeder“ etwas für Gott aufzugeben bereit ist? – Im Ernst: Eine Debatte, in dem das Recht auf Allgemeine Handlungsfreiheit zunächst erst einmal konzediert werden muss, liegt weit unter dem Niveau zivilisierter Auseinandersetzungen. Ohnehin scheint der kleinste gemeinsame Nenner in der Debatte über Religion, Kirche und Matthias Terhorst so tief unten zu liegen, dass es einen fröstelt.

Warum man aber meint, mit Bruder Matthias so umspringen zu dürfen, obgleich man ihn kaum kennt, bleibt natürlich nicht im Verborgenen: „Wenn ich mir vor Augen führe welche Grausamkeiten im Namen des Glaubens verübt wurden und werden, ist ein bißchen Ironie und Häme kaum der Rede wert.“ Und außerdem völlig angebracht, denn schließlich weiß man doch: in „Saudi-Arabien (gelten) Atheisten als Terroristen und (können) ohne weiteres hingerichtet werden“. Na, Herr Terhorst – was soll das?!

Den typischerweise unterstellten Konnex kann man auf drei Ebenen hinterfragen: 1. Sind die genannten Tatbestände („Grausamkeiten im Namen des Glaubens“) wirklich so, wie man sie sich vorstellt? Mit anderen Worten: Geht man von den richtigen Voraussetzungen aus (etwa: historisch)? 2. Ist die ethische Bewertung dieser Tatbestände richtig bzw. hat man sich erfolgreich, zumindest aber überhaupt einmal bemüht, diese aus der katholischen Morallehre (wo nötig auch aus der zeitgenössischen Ethik) zu rekonstruieren? Die kann man ja dann immer noch ablehnen bzw. auf den Fortschritt verweisen, aber alles schön der Reihe nach. 3. Wenn man 1 und 2 bejaht: Ist die Zuschreibung von Verantwortung an Matthias Terhorst gerechtfertigt?

An Antworten auf diese Fragen scheint aber kein Mensch wirklich interessiert zu sein, das heißt: Die Fragen stellen sich gar nicht (mehr). Die Entscheidung ist gefallen. Da gibt es nun keinen Ausweg mehr. 1. Die Kirche ist böse. 2. Sie ist es, weil sie böse ist. 3. Jedes Mitglied der Kirche ist böse. Da kann man dann auch zu einem (mutmaßlichen) Kirchenmitglied unter den Kommentatoren sagen: „Hören Sie[sic!] erst einmal auf, Nichtchristen zu drangsalieren und ihnen Ihren Lebensstil aufzuzwingen.“ So ist denn infolge dieser Unhinterfragbarkeit des zeitgeistigen Dreisatzes festzuhalten: „Es stimmt nicht, dass der junge Mann niemandem schadet; durch seine Mitgliedschaft in diesem Orden unterstützt er aktiv eine totalitäre Ideologie, die weltweit gegen die Rechte von Homosexuellen und (schwangeren) Frauen kämpft.“ Es wird also zunehmend persönlich.

Das alles wird in einer Selbstverständlichkeit vorgetragen, die wirklich überrascht („Bisher wurde hier kaum etwas Despektierliches über den jungen Mann geschrieben – schlimmstenfalls wurde infrage gestellt, ob sein Lebensweg gesellschaftsdienlich ist. Die Antwort hierauf lautet ‚Nein‘.“). Zudem verblüfft das ungewohnt hohe Maß an Sprachrichtigkeit und Stilsicherheit, das darauf schließen lässt, bei den Kommentatoren handle es sich möglicherweise um mindestens durchschnittlich gut gebildete Menschen. „Spiegel-Leser wissen mehr“ halte ich zwar nach der Lektüre der Kommentare für leicht übertrieben, aber dass man jetzt sagen könnte, hier agieren nur Zeitgenossen, die in ihrem Hang zur sozialen Selbstmarginalisierung ohnehin keinen Einfluss auf die reale Welt nehmen und die halt einfach nur etwas Frust ablassen, hielte ich auch für falsch. Es wäre eine Verharmlosung der Stimmungslage.

Man könnte meinen, der Hass habe im aktuellen Diskurs das letzte Wort. Man könnte Angst bekommen, wenn man sieht, wie Zusammenhänge konstruiert werden, die den Hass legitim erscheinen lassen sollen. Wie die Missachtung einer Person mit angeblichen Verfehlungen einer Gemeinschaft gerechtfertigt wird. Geht das dann auch umgekehrt: Man verachtet eine Gemeinschaft wegen der Verfehlungen einer Person? Dann wären wir gedanklich schon beim 9. November 1938 angelangt. Die Debatte – wenn sie Spiegelbild des gesellschaftlichen Zustands ist – lässt mich ratlos, aber auch verängstigt zurück. Vielleicht auch, weil mir der bedrohliche Schlachtruf „Kein Vergeben, kein Vergessen – Christen haben Namen und Adressen“ noch im Hinterkopf sitzt. Ich hoffe jedenfalls, Spiegel-Kommentatoren werden in diesem Land nie zu einer großen Mehrheit. Und Christen nie zu einer kleinen Minderheit.

Ich wünsche Ihnen, lieber Bruder Matthias Terhorst, alles Gute und Gottes Segen für Ihren weiteren Lebensweg!

(Josef Bordat)

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