Mein lieber Herr Wolf,

da Sie Ihre Mails nicht nur an mich, sondern zudem „an alle Medien“ verschicken, nehme ich mir mal das Recht heraus, großzügig aus eben diesen Mails zu zitieren. Ich lasse jetzt mal – soweit das irgend möglich ist – die Beschimpfungen weg und gehe gezielt auf das ein, was man im weitesten Sinne gerade noch als „Argument“ gelten lassen könnte.

1. Sie heben hinsichtlich der Bereitschaft, einem Menschen Rechtsschutz zuzuschreiben, sehr stark darauf ab, ob dieser Mensch nun intra- oder extrauterin lebt. Ja, Sie gehen sogar soweit, gar nicht von (eigenständigem) menschlichen Leben zu sprechen, soweit eben die Geburt noch nicht vollendet ist, sondern nennen den ungeborenen Menschen (offenbar in jedem Entwicklungsstand zwischen Zeugung und Geburt) „Schwangerschaftsgewebe“, „Zellhaufen“, „Gebärmutterinhalt“.

Dazu zwei Zitate. Erstens: „Auch hier wieder Volksbetrug und Volksverdummung durch den Begriff ‚Austragen des Kindes‘. Ein Kind kann frau nicht austragen, sie kann allenfalls den Gebärmutterinhalt austragen, bis er zum extrauterin überlebensfähigen Gebärmutteraußenhalt wird.“ – Zweitens: „das Schwangerschaftsgewebe ist vor der extrauterinen Überlebensfähigkeit nicht als ‚Lebewesen‘ zu begreifen, sondern als Zellhaufen“.

Damit ergibt sich für Sie im Zusammenhang mit einer Abtreibung offenbar überhaupt kein moralisches Problem. Eine Abtreibung wäre dann vergleichbar mit dem Gang zum Friseur oder dem Schneiden der Fingernägel. Habe ich das soweit richtig verstanden?

Wenn ich das so richtig verstanden habe, muss ich Ihnen mitteilen, dass dies nicht nur von der Rechtsprechung und Gesetzgebung (die Sie insoweit vorsorglich als „Regierungs[sic!]kriminalität“ bezeichnen – schön liegenbleiben, Montesquieu!), dem Empfinden der Bevölkerungsmehrheit und dem allgemeinen Sprachgebrauch sehr stark abweicht, sondern in erster Linie von dem, was uns die Biologie über den Begriff „Leben“ sagt. Gebärmuttergewebe hat nach dem Stand der Wissenschaft eine andere DNA als das, was Sie zusätzlich noch unter „Gebärmutterinhalt“ subsumieren: das ungeborene Kind. Insoweit sollten Sie Ihre Vorstellung den Begriff „Leben“ betreffend zumindest mal in Frage stellen. Auch zu Absicht und Wirkung der Nürnberger Rassegesetze, mit denen Sie die hiesigen Normen zum Rechtsschutz menschlichen Lebens während der Schwangerschaft gleichsetzen, sollten Sie sich noch etwas eingehender informieren. Da hört der Spaß dann nämlich irgendwann auf.

Im übrigen ist das ein Argument mit einer nur noch geringen Haltbarkeit: Mit dem ersten Einsatz der bereits in Entwicklung befindlichen künstlichen „Gebärmutter“ würde sich zeigen, dass dieser „Gebärmutterinhalt“ sehr wohl menschliches Leben darstellt. Denn wie werden Sie dann erklären, dass man nach einer bestimmten Zeit dem Apparat ein menschliches Baby entnehmen kann, das lebt? Darauf müssten Sie eine Antwort haben, wenn Sie Ihre Linie durchziehen wollen. Da haben Sie aber noch ein paar Jahre Zeit zum Nachdenken. In jedem Fall, so denke ich, bekommt Ihre Einlassung, das „ganze Anti-Abtreibungsgeschwätz“ sei „unwissenschaftlich“, eine pikante Note.

2. Sie beklagen, bisher keine Antwort erhalten zu haben auf Ihre Frage, warum im Personalausweis das Datum der Geburt verzeichnet ist – und nicht das Datum der Zeugung.

Zitat: „im Jahre 1985 führte die CDU/FDP-Bundesregierung unter dem jetzt seligen HELMUT KOHL den ‚fälschungssicheren‘ Personalausweis ein, in dem der BEGINN des LEBENS als mit der GEBURT definiert und terminiert wird. Wenn die CDU, deren Mitglieder und WählerInnen zu mindestens zwei Dritteln aus Katholen bestehen, WIRKLICH davon überzeugt wäre, dass das Leben ab der Zeugung bzw. ab Verschmelzung der Samenzelle mit der Eizelle beginnt, WARUM wurde dann dieses Datum NICHT im angeblich ‚fälschungssicheren‘ Personalausweis registriert“. Und weiter: „Diese Frage wurde mir bis heute NICHT beantwortet, ebenso wie viele andere Fragen an die AbtreibungsgegnerInnen“.

Nun gut, dann will ich mal der erste sein. Zum einen hat das einen pragmatischen Grund: der Zeugungstag ist nicht exakt festzustellen, der Tag der Geburt hingegen schon. Weiterhin stellt der Personalausweis nicht den „Beginn des Lebens“ fest, sondern das „Datum der Geburt“. Damit soll gar keine Aussage über den Beginn des Lebens gemacht werden. Die Einschätzung, der Staat böte damit zugleich eine Antwort an auf die Frage nach dem Beginn des Lebens, ist allein die Ihre. Sie ist mir jedenfalls anderweitig noch nicht begegnet.

Zum anderen muss ich Ihnen sagen, dass dieser Hinweis auch noch aus einem anderen Grund völlig an der Sache vorbeigeht (insofern erklärt sich vielleicht auch der Umstand, dass Sie bisher keine Antwort erhalten haben). Denn: Konventionen zur Bestimmung des rechtswirksamen „Lebensbeginns“ aus anderen Rechtsgebieten führen in der strafrechtlichen und der ethischen Frage nicht weit. Man könnte ja dann andererseits auch argumentieren, die Position der Abtreibungsgegner sei richtig, weil das, was Sie „Zellhaufen“ nennen, bereits erbberechtigt ist – vom Beginn der Zeugung an. Und nur Personen können erben. Aber auch das wäre ein Kategorienfehler (zumal eben nicht nur natürliche, sondern auch juristische Personen erbberechtigt sein können). Es bringt also schlechterdings nichts, Konventionen zum Personalausweis anzuführen, um Inkonsistenzen in der Lebensrechtsargumentation aufzuweisen. Thema verfehlt.

3. Sie sprechen einem Mann wie Herrn Dr. Maio (einer der Autoren des Sammelbands
Abtreibung – ein neues Menschenrecht?; Rezension) ab, sich mangels eigener Erfahrung überhaupt kompetent zur Sache äußern zu können.

Zitat: „Herr Maio fragt, ob es nicht das Selbstverständlichste wäre, die Schwangerschaft auszutragen? War Herr Maio schon mal schwanger? Da ich mit realtiv hoher Wahrscheinlichkeit annehme, dass Maio noch nie schwanger war, ist ihm entgegenzuhalten: ‚Lassen Sie sich erst mal einen Uterus verpflanzen, lassen Sie sich durch ihre Arztkollegen so präparieren, so operieren, dass sie schwanger sein können, dann können Sie von mir aus sagen, die Austragung des ‚Kindes‘ sei das Selbstverständlichste“.

Ich gehe davon aus – Herr Markus Wolf -, dass Sie in Sachen Urteilsvermögen aufgrund eigener Erfahrungen mit Schwangerschaften Herrn Dr. Maio nicht wirklich ganz so deutlich überlegen sind, wie man oder frau im ersten Moment vielleicht meinen könnte. Im übrigen ist dieses Argument ad sexum nicht ganz ungefährlich: Was sagen Sie einer mehrfachen Mutter, die ähnlich argumentiert wie Herr Dr. Maio?

4. Schließlich machen Sie noch das, was man einen naturalistischen Fehlschluss nennt: Aus der Tatsache, dass es in Deutschland 100.000 Abtreibungen pro Jahr gibt, erschließen Sie die Rechtmäßigkeit von Abtreibungen und sprechen von „Abstimmung mit dem Uterus“. Nun ist es aber so, dass zwischen Faktizität (dem Sein) und Normativität (dem Sollen) ein Graben liegt. Zumindest manchmal. Aus dem Grund gibt es ja überhaupt Normen: Weil Menschen von sich aus oft nicht so handeln, wie sie handeln sollen. Mit dem gleichen Argument könnte man Folter, Mord, Vergewaltigung etc. für rechtmäßig erklären, schlicht, weil es Folter, Mord, Vergewaltigung etc. gibt. Greift insgesamt zu kurz, oder? Auch die implizite Gleichsetzung der Mutterschaft mit Zwangsarbeit und Körperverletzung ist sicher nicht jedem Menschen unmittelbar einsichtig.

Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: Ich will Ihnen da keine Vorschriften machen, doch es wäre sehr rücksichtsvoll, wenn Sie die Zahl Ihrer E-Mails an mich auf maximal drei pro Arbeitswoche beschränkten. Ich denke, damit wäre uns beiden geholfen.

Ihr

Josef Bordat

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