Bergpredigt und Politik

31. Januar 2011


Die Frage, wie sich der Impetus der Bergpredigt (Pazifismus, Nachgiebigkeit, Sanftmut, Barmherzigkeit, Demut) im realen Leben niederschlagen kann und muss, hat Christen zu allen Zeiten beschäftigt. Angesichts von Verfolgung und Gewalterfahrung stellte sich bald die Frage nach der Lebbarkeit der radikalen Forderungen Jesu, etwa zum Verzicht auf Gewalt, ein Gebot, dass auch zum Selbstschutz keinen Raum lässt. Andererseits ist Selbstschutz ein Naturrecht. Es entwickelten sich unterschiedliche Deutungstraditionen, von denen sich diejenige durchsetzte, die zwischen Haltung und Handlung unterscheidet und mit Augustinus und Thomas den Tenor der Bergpredigt zur Grundhaltung des Christen erklärt. Aus diesem lassen sich aber keine Handlungsdirektiven für konkrete Situationen ablesen. Das heißt: Es kann auch friedliebend und sanftmütig und gerecht und damit christlich sein, einen brutalen Diktator, der sein Volk unterjocht, gewaltsam zu stürzen. Gewalt soll nach Gottes Willen nicht sein. Brutale Diktaturen aber auch nicht.

Diese Haltung, die auf die Möglichkeit eines „gerechten Krieges“ hindeutet, ist sehr umstritten, zwischen den christlichen Deutungen der Bergpredigt, zwischen den Konfessionen und Kirchen, aber auch innerhalb der katholischen Kirche, die dem Lehramt nach die Möglichkeit eines „gerechten Krieges“ bejaht. Gerade in Zeiten der Spannung hat sich im Westen Europas ein pazifistisches Christentum herausgebildet, dass darauf drängt, die Handlung unmittelbar an die Haltung zu binden. Dann gäbe es keine Situation mehr, in der ein Christ Gewalt anwendet. Zu hoffen ist dabei, und das ist der wiederum sehr umstrittene Vertrauensvorschuss an die Menschheit, der dieser Deutung eignet, dass letztlich auch die Menschen, die nicht Christen sind, von der Gewalt ablassen. Die Idee ist klar: Wenn keiner mehr Gewalt anwendet, braucht es auch keinen gewaltsamen Selbstschutz mehr. Brutale Diktaturen gibt es dann eben auch nicht mehr. Doch: Was ist, wenn Gewalt angewendet wird. Dann, so die Idee, müssen wir ausharren. Wir dürfen keine Gewalt anwendet, weil das unsere Hoffnung auf Frieden zerstörte. Genährt wird diese Hoffnung durch Menschen wie Mahatma Ghandi, der – obwohl Hindu – die Bergpredigt zur Grundlage seines Widerstands gegen die Kolonialmacht England machte – und gewann. In Frage gestellt wird sie durch die weltweite Christenverfolgung, die gerade jene Christen trifft, die schutzlos ihren Verfolgern ausgeliefert sind.

Wo würde Jesus heute stehen? Auf der Seite der „Realisten“, die keine Gewalt wollen und sie deshalb stoppen möchten, auch unter Einschluss der Handlungsoption „Gewaltanwendung“, oder auf der Seite der „Pazifisten“, die keine Gewalt wollen und sie deshalb in keinem Fall als Handlungsoption in Betracht ziehen? Ich glaube, Jesus würde zunächst auf den Unterschied zwischen Moral und Heil hinweisen, d.h. darauf, dass seine Bergpredigt auf das Reich Gottes zielt, nicht das menschliche Reich einer Konföderation befriedeter Völker oder das menschliche Reich einer gewaltlosen Gesellschaft. Mit der Bergpredigt, so hat es der Bischof von Erfurt, Joachim Wanke, einmal sinngemäß gesagt, ist kein Staat zu machen. Das bedeutet eben umgekehrt, dass durch Staat und Gesellschaft, so moralisch gut sie auch funktionieren mögen, nicht der Himmel anbricht. Das Heil kommt nicht von der Partei, der Gewerkschaft oder dem Militär. Frieden auf Erden ist ein Anliegen Gottes und damit eines des Christentums, doch Frieden im Herzen ist dessen eigentliches Ziel. Darum geht es Jesus in der Bergpredigt. Es geht um das Heil des Einzelnen, dessen „Seligkeit“, wie es immer wieder heißt. Erst in zweiter Linie geht es um moralische Implikationen, die wir jedoch gerne in den Vordergrund rücken, wenn wir uns ethische Dilemmata unserer Lebenspraxis anschauen, an denen die Bergpredigt scheinbar scheitert.

Was bedeutet das wiederum für die Politik? Hände weg von der Bergpredigt – Einsatz nur in Sonntagsreden? Auch das wäre falsch. Denn man kann mit ihr keinen Staat machen, aber, so denkt Bischof Wanke weiter, man kann mit ihr einen Staat menschlicher machen. Das ist eine gute Überlegung! Jemand, der diese Überlegung für sich ernst genommen hat, war Johannes Rau, der auch in höchsten Amt (von 1999 bis 2004 war er Bundespräsident) nicht die vergessen hat, die sich oft vergessen fühlen. Der vor fünf Jahren verstorbene Rau hatte die Bergpredigt vor Augen, wenn er sich bis zuletzt für die Menschen einsetzte, oft ganz konkret durch einen Brief oder Anruf. Für ihn war Politik im Geiste der Bergpredigt kein Hirngespinst, sondern der erste und wichtigste Wählerauftrag. Rau holte Sanftmut und Barmherzigkeit ins politische Geschäft. Also genau dahin, wo sie hingehören, damit der einzelne Mensch wieder zählt. Und er zeigte, dass man damit als Politiker nicht zum zaudernden Gefühlsdusel wird, sondern gerade dadurch beherzt Entscheidungen zu treffen vermag, Entscheidungen, zu denen man auch morgen noch stehen kann.

Das wäre doch mal was: Ein Kandidat, der im Wahlkampf sagt, dass er hungert und dürstet nach Gerechtigkeit. Ich glaube, den könnte ich wählen.

(Josef Bordat)

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